Wie Sumte vor fünf Jahren Hunderte Flüchtlinge aufnahm

Mehr als 700 Flüchtlinge kamen zeitweise auf knapp über 100 Einwohner. Vor fünf Jahren wurde Sumte international zum Symbol deutscher Flüchtlingspolitik. Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht, und nur wenig erinnert heute noch daran.

Migazin vom 23.10.2020, von Karen Miether

Christian Fabel blickt auf die rot geklinkerten Häuser der früheren Flüchtlingsunterkunft in Sumte. „Als alle auf die Ankunft der ersten Flüchtlinge warteten, gab es plötzlich einen lauten Knall“, erinnert er sich. Am 2. November vor fünf Jahren trafen am späten Abend zwei Busse mit den ersten Anreisenden in dem kleinen Ort im niedersächsischen Amt Neuhaus ein. 1.000 Flüchtlinge sollten insgesamt kommen, hieß es ursprünglich – in einen Ort mit 102 Einwohnern. „Es war das Zahlenspiel, das Sorgen bereitete“, sagt Fabel. „Die Frage, wie viel Belastung das Dorf erfährt.“

Bereits Wochen zuvor war Sumte deshalb zu einem Symbol für die deutsche Politik im Flüchtlingsjahr 2015 geworden, von dem Zeitungen wie die „New York Times“ berichteten. Am Ende lebten nie mehr als gut 700 Menschen in der Unterkunft. „Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet“, sagt der damalige Ortsvorsteher Fabel. Es ist die Episode mit dem Knall, die ihm heute mit Blick auf die frühere Unterkunft hinter dem Zaun einfällt. Verursacht hatte ihn ein Schwan, der offenbar gegen ein Dach gekracht war und benommen wieder aufflog.

Jens Meier könnte über den Herbst und Winter 2015 ein Buch schreiben. Der Geschäftsführer des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) in Barsinghausen hatte gerade eine Flüchtlingsunterkunft in Adelebsen bei Göttingen aufgebaut. Da läutete an einem Oktobertag sein Telefon. „Willst du Sumte machen?“, schildert er heute die Anfrage lapidar. Täglich kommen in dieser Zeit 1.000 bis 1.500 Flüchtlinge nach Niedersachsen. Noch selben am Abend sieht Meier sich in Neuhaus einer Bürgerversammlung gegenüber. „Da war viel Aggressivität im Raum“, sagt er. „Aber man muss die Menschen auch verstehen.“

Fabels Aufgabe war es damals, die Sorgen der Bürger in der abgeschiedenen Region vorzutragen. „Wir sind nicht dagegen, dass Flüchtlinge aufgenommen werden“, sagte er. „Wir wollen das nur so gestalten, dass alle damit leben können.“ In Sumte gelingt das, der anfänglichen Aufregung und einiger kleinerer Probleme zum Trotz. „Es ist offen mit uns umgegangen worden“, resümiert Fabel. Menschen aus der Region finden in der Unterkunft Arbeit, auch Ehrenamtliche engagieren sich. Neonazis zeigen sich zwar mal, finden aber keinen Rückhalt.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.