Jahresrückblick von Sea Watch

Im Newsletter vom 31.12.2020 zieht Sea Watch eine ernüchternde Bilanz: Mit unserer Sea-Watch 3 und der Sea-Watch 4 konnten wir in vier Rettungseinsätzen insgesamt 756 Menschen aus Seenot retten. Die Freude über unsere erfolgreichen Missionen ist jedoch getrübt – denn wir hätten viele weitere Menschenleben retten können, wenn italienische Behörden unsere Schiffe nicht monatelang unter fadenscheinigen Begründungen blockiert hätten. Alleine während der Blockade unserer Sea-Watch 4 sind uns zahlreiche Seeunglücke bekannt, bei denen fast 300 Menschen ertrunken sind.

Unsere Aufklärungsflugzeuge Moonbird und Seabird flogen 2020 insgesamt über 520 Einsatzstunden. Unsere Crews entdeckten 82 Seenotfälle mit insgesamt über 4000 Menschen an Bord seeuntüchtiger Boote. Zahlreiche Male waren sie die Ersten, die die Rettungsleitstellen sowie die Schiffe in der Umgebung über die Seenotfälle informierten.

Anfang September wurde uns von den Behörden mitgeteilt, dass unser Aufklärungsflugzeug Moonbird mit einem Flugverbot belegt wurde. Der Grund hierfür war, dass wir zu viele Stunden über dem Mittelmeer Menschen in Seenot beigestanden sowie Menschenrechtsverletzungen dokumentiert hatten. Angeblich würde unsere Luftaufklärungsmission so laufende Seenotrettungen der italienischen Behörden behindern. Ein besonders zynisches Argument, wenn man bedenkt, dass Italien keine systematische Seenotrettung betreibt. Während unser zweites Auge, die Seabird, noch immer wachsam über das zentrale Mittelmeer schaute, wehren wir uns bis heute gerichtlich gegen die Festsetzung. Seit Ende Oktober hat die Moonbird wieder eine Start- und Landeerlaubnis, doch in den zwei Monaten, in denen die Moonbird festgehalten wurde, sind 15 Boote verunglückt und knapp 300 Menschen ertrunken.
Foto: Sea Watch
Der Fall zeigt eindrücklich, dass die Behörden vor nichts zurückschrecken, um die Arbeit der zivilen Seenotrettungsorganisationen im Mittelmeer zu blockieren. Unsere zivile Luftaufklärungsmission ist ihnen ein Dorn im Auge, denn unsere Flugzeug-Crew ist oft die einzige Zeugin der Menschen- und Völkerrechtsverletzungen, die im zentralen Mittelmeer auf der Tagesordnung stehen.

Dieses Jahr hat trotz vieler Rückschläge auch gezeigt, dass Solidarität Berge versetzen kann und was alles möglich ist, wenn zivilgesellschaftliche Akteur*innen sich zusammenschließen und gemeinsam für Menschenrechte einstehen. Gemeinsam mit unseren Partner*innen United4Rescue und Ärzte ohne Grenzen konnten wir mit der Sea-Watch 4 ein neues Rettungsschiff ins zentrale Mittelmeer schicken.

Auch dem Versuch vom Bundesverkehrsministerium, zivile Seenotrettung per Gesetz zu verhindern, standen wir vereint entgegen: Nachdem die Gesetzesänderung einem De-Facto-Ausfuhrverbot für Mare Liberum, RESQSHIP und Mission Lifeline gleichgekommen wäre, haben wir gemeinsam die Klage vorbereitet und das Gesetz wurde schließlich für ungültig erklärt!

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