Ich stehe vor Gericht, weil ich Menschen vor dem Ertrinken bewahrt habe

Sea Watch berichtet am 26.12.2021: Ich bin Sarah und ich komme aus Syrien. 2015 mussten meine kleine Schwester Yusrah und ich unsere Heimat verlassen. Wir flohen nach Europa, damals war ich 20, meine Schwester 17 Jahre alt. Es war stockdunkel, als wir das Meer von Izmir auf dem überfüllten Schlauchboot in Richtung Griechenland überquerten. Irgendwann blieb der Motor stehen. Wasser trat ins Boot und die Leute wurden panisch. Dann schlug jemand vor, ins Wasser zu springen und das Boot zu ziehen. Als professionelle Schwimmerin war für mich klar, dass ich helfen muss…

Wenn man in einem Schlauchboot sitzt, hat man keine Zeit zum Nachdenken. Man muss einfach handeln.

…Also sprang ich ins Wasser, griff das Seil an der Seite des Bootes und fing an zu ziehen. Fünf Minuten später sprang meine Schwester hinterher. Ich glaube, das war der schrecklichste Moment für mich. Dass mir selbst etwas zustoßen könnte, damit hatte ich mich abgefunden. Aber meiner kleinen Schwester? Kein Mensch sollte um das Leben der eigenen Schwester fürchten. Sie schaute mich todernst an und sagte: „Wenn du es kannst, kann ich es auch!“ Das war der Punkt, an dem ich die Realität ganz klar vor mir sah: Ich muss so stark wie möglich sein, das war unsere einzige Möglichkeit zu überleben. Illustrationen: Adrian Pourviseh


Die Fahrt über das Meer ist nur einer von vielen schrecklichen Momenten unserer Flucht, unseres Zurücklassens der Heimat, in der wir aufgewachsen sind. Als wir Wochen später endlich mit dem Bus nach Deutschland fuhren, kamen mir die Tränen. Ich weinte, weil ich mich das erste Mal seit langem wieder wie ein Mensch fühlte, nicht wie ein Flüchtling.

Was ich erlebt habe, hat mich dazu gebracht, wieder zurück nach Lesbos zu gehen, um dort ehrenamtlich als Seenotretterin und Übersetzerin zu arbeiten. 

Denn niemand darf andere Menschen im Meer ertrinken lassen – egal wie, egal wo. 

Ich habe mein Bestes gegeben, den Menschen zu helfen, die dort mit den Booten ankamen. Die genau den gleichen Albtraum erleben mussten wie ich. 2018 wurden ich und andere Helfer:innen verhaftet und wegen angeblichen Menschenhandels, Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Geldwäsche und Spionage angeklagt. Ich saß 107 Tage im Gefängnis.

Wir haben keine illegalen Handlungen begangen. Wir standen am Ufer und haben Decken und Wasser an Überlebende verteilt. Doch anscheinend bin ich in Griechenland bis heute eine „Bedrohung nationaler Sicherheit“. Es ist absurd, wie Flüchtende und Aktivist:innen zur Zielscheibe der Behörden werden. Wie kann es sein, dass ein Mensch dafür verhaftet wird, anderen zu helfen?

Dieses Jahr bin ich als Teil der Sea-Watch-Crew zurück aufs Meer gefahren. Ich werde niemals aufhören, mich mit Menschen auf der Flucht zu solidarisieren! Aber Solidarität bedeutet nicht nur, auf einem Rettungseinsatz mitzufahren. Solidarität bedeutet, die eigene Komfortzone zu verlassen. Und wir müssen aufhören, Menschen zu fragen, warum sie aus ihrer Heimat fliehen.

Ich bin es leid, die Frage zu beantworten, warum ich meine Heimat verlassen habe. Ich möchte leben, schlafen und essen können, ohne Bomben zu hören. Das ist mein Recht.

Wenn Ihr Euch für Menschen auf der Flucht einsetzen möchtet, dann schaut Euch in Eurer Stadt um. Informiert Euch darüber, was vor sich geht. Überlegt, wie Ihr die Menschen am besten unterstützen könnt. Hört ihren Geschichten zu. Wir möchten Teil der Lösung sein und der Diskussion darüber, was mit unserer Zukunft geschieht.

Sarah Mardini und ihren Mitstreiter:innen drohen Jahre im Gefängnis, weil sie Menschen in Not geholfen haben. Leben zu retten ist kein Verbrechen. Spende hier für ihre Gerichtskosten.

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