Die große Abhärtung

 Zeit Online (Lenz Jacobsen) kommentiert am 28.10.2020: Das Elend der Migranten auf den griechischen Inseln hat auch einen politischen Nebeneffekt: Es gewöhnt die Europäer an eine EU, die ihre Versprechen nicht erfüllt.

Sieben Wochen ist es nun her, dass auf Lesbos das Elendslager Moria abbrannte, und es ist in Ordnung, wenn Sie nicht sofort wissen, was seitdem dort passiert ist und wie es nun weitergeht. Es ist bei Ihnen und auch sonst ja wirklich genug anderes los.
 
Also ein kleines Update von der europäischen Peripherie: Die griechische Küstenwache schleppt Boote mit Migranten aufs offene Meer zurück statt ihnen zu helfen, und die EU-Grenzschützer von Frontex sind offenbar in diese Aktionen verwickelt. Von den 13.000 ehemaligen Moria-Insassen durften einige die Insel verlassen, Deutschland hat bisher rund 200 aufgenommen, 7.700 sind im provisorischen Ersatzlager Kara Tepe untergebracht. Wobei „untergebracht“ heißt, dass sie unter Zeltplanen und oft auf dem nackten Boden schlafen. Als vor zwei Wochen ein Unwetter über die Insel zog, spülte es 80 Zelte einfach weg. Duschen gibt es keine, nur Chemietoiletten und zu wenig Wasserhähne. Wie die Menschen hier durch den Winter kommen sollen, ist völlig unklar. Hilfsorganisationen klagen einhellig: Kara Tepe ist noch schlimmer als Moria jemals war.
 
Das ist seit mittlerweile vier Jahren die Eskalationslogik in den Lagern auf den griechischen Inseln: Es geht immer noch schlimmer.
 
Das Problem heißt Gewöhnung
 
Ein Drama ist das vor allem für die Menschen, die dort leben müssen. Es ist aber, in zweiter Linie, auch ein Problem für jene, die die politische Verantwortung dafür tragen, die EU und die Europäer selbst. Und zwar nicht nur mit Blick auf die verkorkste Migrationspolitik selbst. Es geht auch um den Prozess der Gewöhnung.
 
Menschen gewöhnen sich an fast alles. Sie können sich das gar nicht aussuchen. In ihren Hirnen passen sich die Erwartungen so an die Realität an, dass die Differenz zwischen beidem nicht zu groß wird und das Leben erträglich bleibt. So, wie man sich jeden Herbst innerhalb weniger Tage an die kälteren Temperaturen gewöhnt, so gewöhnt man sich auch an Grausamkeiten, die einfach nicht verschwinden. Man zieht sich eine dickere Jacke an und bekommt ein dickeres Fell.
 
Abschreckung nach außen, Abhärtung nach innen
 
So ist es auch in der Flüchtlingspolitik. Die immer schlechteren Zustände auf den Inseln, die eskalierenden Bilder und Nachrichten mögen vor allem dazu dienen, denjenigen, die sich auf den Weg machen wollen, zu zeigen, dass es sich nicht lohnt. Sie haben aber noch einen zweiten Effekt: Der europäischen Abschreckung nach außen entspricht eine innere Abhärtung der Europäer. Eine Erosion moralischer Standards. Es gilt hier, was Albert Camus einst über Die Pest schrieb: „Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde. Aber er vergeht nicht immer, und von bösem Traum zu bösem Traum vergehen die Menschen.“
 
Die Europäer haben sich auch daran gewöhnt, dass die humanitären Bekenntnisse in den europäischen Zentren seit Jahren von den Zuständen auf den Inseln an den Rändern des Kontinents konterkariert werden.
 
Was ist hier noch alles hohl?
 
Immer wieder erklärten wichtige Politiker auf einer der schönen, europablauen Bühnen in Brüssel oder Straßburg in den vergangenen Jahren, sie würden nun „den Worten von der gemeinsamen Solidarität und der gemeinsamen Verantwortung Taten folgen lassen“, wie es beispielsweise der EU-Innenkommissar 2015 formulierte, als er die Europäische Migrationsagenda vorstellte. Fünf Jahre später, Ende September 2020, wurde dann auf einer anderen blauen Bühne der Europäische Migrationspakt vorgestellt, den Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als „Neustart“ der Migrationspolitik verkaufte. „Wir wollen den eigenen Werten gerecht werden“, sagte sie.
 
Tja.
 
Innere Zwänge
 
Klar, man kann das Ungenügen mit den Zwängen innerhalb der EU erklären. Europäische Kompromisse sind schwierig, viele Regierungen in den EU-Ländern interessieren sich ausschließlich für die Verhinderung von Migration und auch in der Bevölkerung wünschen sich nicht wenige einen strengen Umgang mit Asylbewerbern. Aber ganz so einfach sollte man sich von solchen, vermeintlich realistischen Argumenten nicht geschlagen geben.
 
Zum einen, weil die heutige harte Haltung der EU und der Europäer zu Flüchtlingen erst durch die stetige, innere Abhärtung der vergangenen fünf Jahre ermöglicht wurde. Durch die Gewöhnung an die Zustände, die doch eigentlich unhaltbar sind.
 
Zum anderen, weil insbesondere die EU ein chronisches Problem kriegt, wenn ihre großen Worte sich dauerhaft als hohl erweisen. Die EU besteht nämlich zu großen Teilen aus solchen großen Worten.
 
Weil die Union zu wenig Macht und Geld hat, um durchregieren zu können, muss sie um das wenige, was sie kann, viel Bohei machen – und ansonsten darauf wetten, dass die politische Realität sich wirklich in die Richtung bewegt, die Brüssel mit großer Geste vorgibt. Es ist deshalb der normale Modus der EU, erst mal viel zu versprechen. Wenn dieser Modus nun über Jahre und für alle sichtbar scheitert, wenn die großen Worte nur noch Fassade sind, dann könnten bald auch diejenigen innerhalb und außerhalb Europas, die die EU eigentlich aus vollem Herzen unterstützen, auf die Idee kommen, dass man auf ihre Worte nicht viel geben kann.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.