Flüchtlingsretter in Not

Seemänner auf Handelsschiffen stehen vor einem Dilemma, wenn sie im Mittelmeer auf Flüchtlinge stoßen. Wenn sie die Menschen retten, werden sie angeklagt, helfen sie nicht, kämpfen sie mir ihrem Gewissen. Reeder ändern inzwischen sogar ihre Routen, um einer Begegnung zu entgehen.

Bericht im Migazin vom 11.01.2019 von Dieter Sell. Bild: Solidarität auf See, 2018

Angst vor dem Präzedenzfall

eurotopics, die tägliche Presseschau der Bundeszentrale für politische Bildung verweist auf einen Artikel im Corriere della Sera vom 08.01.2019:

Europa hat die Achtung vor Menschenleben gänzlich verloren, empört sich der Schriftsteller und Journalist Paolo Di Stefano in Corriere della Sera:

„Seit Wochen erleben wir das widerwärtige Schauspiel, in dem 49 Menschenleben auf einen internationalen Schlagabtausch reduziert werden, auf Schuldabwälzung, auf numerische Berechnungen, auf diplomatische Vorsicht und die Sorge darum, ‚keinen Präzedenzfall schaffen‘ zu wollen. Die Rettung der Armen, die vor Kriegen oder dem Elend in ihren Ländern fliehen, wäre für die einzelnen europäischen Staaten, die gerade ausgiebig Weihnachten, Silvester und das Dreikönigsfest gefeiert haben, ein unverzeihlicher Präzedenzfall. Denn die Rettung eines Menschen könnte bedeuten, in Zukunft zu viele retten zu müssen. Und eine solche Verantwortung will im Moment niemand übernehmen. Also, lieber keinen als zu viele.“

Geschlossene Häfen

Sea Watch berichtet (04.01.2019): Seit mehr als 14 Tagen wartet unsere Sea-Watch 3 auf die Zuweisung eines sicheren Hafens für die 32 Kinder, Frauen und Männer, die sie zwei Tage vor Heilig Abend im zentralen Mittelmeer gerettet hat. Die andauernde Unsicherheit zermürbt unsere Gäste und auch die Crew ist an der Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen.

Bild: Sea Watch

Fischer retten Schiffbrüchige trotz Sturm und politischem Druck

Das spanische Fischerboot Nuestra Madre de Loreto kam in der letzten November-Woche einem Flüchtlingsboot in Seenot zu Hilfe. Als auch die sogenannte Libysche Küstenwache den Unglücksort erreichte, brach unter den Geflüchteten Panik aus, viele sprangen ins Wasser. Die Fischer nahmen zwölf Menschen auf, der Rest wurde an Bord des Patrouillenboots gezwungen. Gerne hätten die Spanier ihre Gäste in einem sicheren Hafen ausgeschifft. Doch weder Malta noch Italien ließen das Schiff einlaufen. Stattdessen forderten sie eine Rückführung nach Tripolis durch die libyschen Milizionäre.

Bild: Sea-Watch

 

Sea-Watch wieder unterwegs

Nach einer mehrmonatigen Blockade durch maltesische Behörden und dem folgenden Werftaufenthalt ist die Sea-Watch 3 zu einer neuen Rettungsmission ausgelaufen!

Gemeinsam mit der spanischen Organisation Open Arms und dem italienischen Partnerprojekt Mediterranea kehrt unser Schiff in die Such- und Rettungszone vor Libyen zurück, wo die Todesrate zuletzt auf ein Rekordhoch gestiegen ist. Die Flotte dreier Schiffe aus drei Ländern, unterstützt vom Sea-Watch-Aufklärungsflugzeug Moonbird, versteht sich als zivilgesellschaftliche Antwort auf die tödliche Abschottungspolitik der EU und verfolgt ein klares Ziel: Such- und Rettungsaktionen durchführen und Menschenrechtsverletzungen dokumentieren.

https://sea-watch.org/das-projekt/sea-watch-3/

Erbärmliches Evakuierungsprogramm

Nur wenige Flüchtlinge werden im Rahmen eines Programms aus Libyen in den Niger evakuiert und nach Europa in Sicherheit gebracht.

Der Bedarf wäre um ein Vielfaches höher, wie der Experte Karl Kopp von Pro Asyl Deutschland im ARD-Europamagazin sagt. Doch der EU mangelt es an politischem Willen.

Verzweifelte Flüchtlinge auf Frachtschiff

Aus Angst vor Willkür und Inhaftierung weigern sich gerettete Flüchtlinge in Libyen an Land zu gehen. Sie harren seit Tagen auf einem Frachtschiff aus. Die Menschenrechtsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ spricht von einer „großen Schande“.

Dutzende aus dem Mittelmeer gerettete Flüchtlinge harren nach Angaben von „Ärzte ohne Grenzen“ seit Tagen auf einem Frachtschiff im Handelshafen der libyschen Stadt Misrata aus. Knapp 80 Menschen weigerten sich, von Bord zu gehen, weil ihnen in Libyen willkürliche Inhaftierung drohe, erklärte die Hilfsorganisation am Donnerstag in Berlin. Weitere 16 der aus Seenot geretteten Flüchtlinge hätten in den vergangenen Tagen das Schiff verlassen und seien in Internierungslager gebracht worden.

Aus Migazin 16.11.2018

Sea Eye bald wieder im Einsatz

Nach viermonatiger Zwangspause kann die private Rettungsorganisation mit einem neuen Schiff die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen im Mittelmeer wieder aufnehmen.

Die Regensburger Seenotretter „Sea Eye“ sehen sich als Opfer der europäischen Abschottungspolitik. Seit Juni hat „Sea Eye“ keine Einsätze mehr fahren können, weil die Flaggen der Schiffe plötzlich zum Problem wurden. Jetzt soll es unter deutscher Flagge weitergehen. „Sea Eye“ rettete nach eigenen Angaben in den vergangenen drei Jahren mehr als 14.000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken.

Ein Interview mit dem Gründer Michael Buschheuer

Quelle: Migazin 15.11.2018

Sea Eye-Rettungsschiffe © sea-eye.org

2018 mehr als 2000 Menschen ertrunken

Nach UN-Angaben sind 2.040 Menschen auf dem Mittelmeer bei der Flucht nach Europa gestorben. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Toten rückläufig. Zurückgegangen ist auch die Zahl der Flüchtlinge.

Quelle: Migazin 13.11.2018

Wir dokumentieren, was im Mittelmeer passiert

Nach einer Zwangspause bereitet die Flüchtlingsinitiative „Mission Lifeline“ einen neuen Einsatz im Mittelmeer vor. Die EU wolle „keine Zeugen für die Toten im Mittelmeer“. Man werde sich aber nicht festsetzen lassen.

 

Aus: Migazin 24.10.2018.

Ein Seenotretter berichtet

Nick ist Rettungskoordinateur an Bord des Rettungsschiffs Aquarius. Er hat Dinge gesehen, die niemand durchmachen und die kein menschliches Wesen erleiden sollte. Lange hat er geschwiegen, jetzt erzählt er vom Leid der Menschen und was er von der EU-Flüchtlingspolitik hält. 

Aus: Migazin vom 23.10.2018.

Seenotretter Nick auf dem Schiff © Maud Veith / SOD Méditerranée

Die SEEBRÜCKE bei #unteilbar

Wir sind immer noch total überwältigt von der #unteilbar-Demonstration am 13. Oktober 2018 in Berlin. Über 242.000 Menschen haben für eine offene und freie Gesellschaft und Solidarität statt Ausgrenzung demonstriert.
Neben zahlreichen weiteren Bündnissen und Initiativen war auch die SEEBRÜCKE vertreten: Mit allein 30.000 Teilnehmenden repräsentierte der SEEBRÜCKEN-Block, wie riesig die Bewegung in den letzten Monaten geworden ist.

Die kommenden Aktionen: https://seebruecke.org/#upcoming

500 Tote später

Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ verlässt Malta

Das Migazin berichtet am 22.10.2018: Seit drei Monaten sitzt das Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ in Malta fest. Jetzt hat es die Genehmigung erhalten, das Hafen zu verlassen. Der Vorstand von „Sea-Watch“ kritisiert, dass seit der Festsetzung über 500 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind.

Sea-Watch 2 rettet Flüchtlinge auf dem Mittelmeer (Archivfoto) © Moritz Richter

Seemannsmission fordert Regeln für Rettung von Flüchtlingen

Das Migazin (Migration in Germany) berichtet am 17.10.2018 über eine Stellungnahme der Deutschen Seemannmisson, die mit mehr als 700 Haupt- und Ehrenamtlichen 32 Stationen im In- und Ausland betreibt. Diese leisten auf Schiffen, in Seemannsclubs und in Seemannsheimen Seelsorge und Sozialarbeit für Seeleute aus aller Welt.

Retten sie Flüchtlinge auf hoher See, laufen Seeleute Gefahr, kriminalisiert zu werden. Retten sie Flüchtlinge nicht, leiden sie unter Schuldgefühlen und machen sich schuldig wegen unterlassener Hilfeleistung. Die Deutsche Seemannsmission appelliert an die Politik, verbindliche Regelungen zu schaffen.

Wir von Solidarität auf See finden: Eigentlich sind die Regeln klar: Seenotrettung ist oberstes Gebot! Die Diskussion zeigt lediglich, wie weit wir uns schon von grundlegenden humanitären Verpflichtungen verabschiedet haben.

Flüchtlinge werden aus dem Dorf Riace vertrieben

Nach der Verhaftung des Bürgermeisters nun die Vertreibung der Flüchtlinge

Die Presse aus Wien berichtet: Nach der Festnahme des Bürgermeisters von Riace wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung hat das italienische Innenministerium am Samstag angeordnet, dass die rund 200 Migranten, die im dem Dorf in Kalabrien untergebracht sind, von kommender Woche an in andere Flüchtlingsunterkünfte in Italien gebracht werden sollen. Das Innenministerium stellte Verstöße gegen das Gesetz im Umgang mit der Flüchtlings-versorgung fest. Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini sprach von Unregelmäßigkeiten im Umgang mit öffentlichen Finanzierungen für die Flüchtlingsversorgung.

Der Beschluss des italienische Innenministeriums, 200 Migranten aus dem süditalienischen Dorf Riace in Flüchtlingsunterkünften unterzubringen, sorgt für helle Empörung bei Spitzenpolitikern der Opposition und Menschenrechtsorganisationen. Sie kritisierten den Schritt des Innenministeriums, der als Schlag gegen ein Modell erfolgreicher Integration von Flüchtlingen gilt.

Unteilbar

Für eine solidarische Gesellschaft

Rund 240.000 Menschen aus ganz Deutschland haben nach Veranstalterangaben in Berlin gegen einen Rechtsruck und für die Einhaltung der Menschenrechte in Deutschland demonstriert. Zahlreiche Parteien, Organisationen, Gewerkschaften, Initiativen, kirchliche Gruppen, Sozial- und Flüchtlingsverbände sowie Kulturschaffende unterstützten die Aktion am Samstag. Das Motto lautete „Für eine offene und freie Gesellschaft – Solidarität statt Ausgrenzung“.

Ähnliches Foto

Bald keine zivile Seenotrettung im zentralen Mittelmeer mehr

Als letztes Schiff verliert die Aquarius der Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerannée seine Zulassung

Damit erzielt die systematische Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung die angepeilte Wrkung. Der Bund berichtet.

 

Sea Watch immer noch an der Kette

Seit beinahe elf Wochen hindert der EU-Staat Malta die Sea-Watch 3 ohne rechtliche Grundlage am Auslaufen, noch länger wird unser Flugzeug Moonbird festgehalten. Endlose diplomatische Bemühungen und Verhandlungen blieben bis heute ohne Erfolg. Schiffsprüfungen verliefen zwar ohne Beanstandungen, führten aber dennoch nicht zu Auslauf- oder Startgenehmigungen.

Sea Watch reagiert mit rechtlichen Schritten und einem offenen Brief an den Premierminister von Malta: https://sea-watch.org/mr-muscat-zeigen-sie-verantwortung-und-lassen-sie-unser-schiff-frei/

Flüchtlinge erzählen

SoS- Mediterannée sammelte Erzählungen von Flüchtlingen

Testimony vom 15.06.2018, an Bord der Aquarius

Ahmed*, 20, aus dem Sudan

Ich wurde mit einem Eisenrohr geschlagen und dann mit Gummi, während die Männer mich filmten und auslachten. Sie filmten alles, um meine Familie zu Hause zu zwingen, Geld für meine Freiheit zu bezahlen. Sie hörten nicht auf, Videos und Fotos der täglichen Misshandlungen zu schicken, sondern forderten mehr und mehr Geld. Das alles geschah in einem Haus in Sabha, ungefähr vor einem Jahr.

Ich begann meine Reise in Al-Qatrun, in Libyen. Ich machte mich dorthin auf den Weg, um nach Arbeit zu suchen, doch als ich ankam, wurde ich von hellhäutigen Männern an andere Männer verkauft. Ich wurde für 1.000 libysche Dinar (umgerechnet ca. 620 Euro) verkauft. Der Mann, der mich gekauft hatte, fuhr fort mich zu schlagen, jeden Tag. Es gab kaum etwas zu essen, nur Salzwasser und Kekse, die er auf mich warf und ich aß sie vom Boden, wie ein Tier. Ich fragte immer nur nach Essen. Für alles, was ich fragte, wurde ich geschlagen. Ein Gefängnis wäre besser gewesen als das Haus dieses Mannes. Es war ein Loch. Ich habe dort so gelitten.

Einmal sah ich einen Mann, ein Freund meines Besitzers, er war betrunken. Er kam zu dem Haus, brachte andere schwarze Männer zu seinem Truck und erschoss sie. Nachdem sie gestorben waren, mussten ein Freund und ich die Körper aufheben und sie begraben. Ich musste so lange bei diesem Mann bleiben, bis ich eine Möglichkeit fand, mich freizukaufen. Letztendlich erreichte ich das Meer, nach sechs Monaten mit diesem schrecklichen Mann. Ich wusste um die Gefahren dieser Überfahrt. Was ich jedoch nicht wusste, war, dass man 3 bis 4 Tage bis nach Italien braucht. Uns wurde gesagt, dass es nur wenige Stunden dauern würde, bis wir in Freiheit wären. Ich hatte keine Vorstellung davon, dass der Weg so weit ist. Ich dachte, er wäre kurz: du setzt dich ins Boot, fährst für ein paar Stunden und siehst Land.

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*Name von der Redaktion geändert.
Interview: Kenny Karpov / SOS MEDITERRANEE

Bild: SOS Mediterannée