Zwei Rettungen an einem Tag: Rettungsschiff ALAN KURDI rettet 78 Menschenleben

Sea-Eye meldet am 25.01.2020: Am Samstagmorgen wurde das deutsche Rettungsschiff ALAN KURDI des Regensburger Vereins Sea Eye e.V. über einen Seenotfall informiert. Die Organisation Watch the Med – Alarmphone erhielt von den Menschen an Bord des Schlauchbootes einen Notruf und leitete diesen an das Rettungsschiff und die zuständigen Behörden weiter.

Nach mehreren Stunden wurde das Boot gegen 09:00 Uhr gefunden. Zu dem Zeitpunkt drang bereits Wasser in das Schlauchboot ein, dessen Hülle aus dünnem Material, ähnlich einer LKW-Plane bestand. Unter den 62 Geretteten befinden sich 8 Frauen und 7 Kinder, das jüngste Kind ist gerade einmal sechs Monate alt. 

Kurze Zeit nach der Rettung war ebenfalls ein Schiff der sogenannten libyschen Küstenwache vor Ort und wies die ALAN KURDI an, die libysche Such- und Rettungszone zu verlassen. 

Wenige Minuten nach der Rettung erreichte die ALAN KURDI der Hilferuf eines Fracht-schiffes, dass ein Boot in Seenot gesichtet hatte. Die ALAN KURDI erreichte das mit 16 Personen besetztes Boot am frühen Nachmittag und evakuierte das seeuntüchtige Boot ebenfalls. Drei von ihnen waren stark dehydriert und wurden an Bord sofort medizinisch behandelt.

In Sicherheit! Foto: Marco Riedl/sea-eye.org

Schweiz will minderjährige Flüchtlinge aus Griechenland übernehmen

Die NZZ berichtet am 24.01.2020: Die Schweiz plant, minderjährige Flüchtlinge aus Griechenland zu übernehmen. Man habe Athen diese Hilfe angeboten, sagte Bundesrätin Karin Keller-Sutter am Freitag kurz vor Beginn eines EU-Ministertreffens im kroatischen Zagreb.

Lesbos, Okt. 2019, Marco Stricker

(sda) Das Eidg. Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) habe von sich aus gegenüber Griechenland zugesichert, dass die Schweiz eine gewisse Anzahl unbegleiteter Minderjährige mit Familienbezug in die Schweiz übernehmen werde, sagte Keller-Sutter zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Wann die ersten jungen Flüchtlinge übernommen werden sollen, ist noch nicht klar.

Die Bundesrätin forderte zudem die EU-Kommission dazu auf, jetzt «das Heft in die Hand zu nehmen und einen Aktionsplan für Griechenland» zu entwerfen.

Denn einerseits sei die humanitäre Situation prekär, andererseits gebe es dort eine wichtige Schengen-Aussengrenze. «Es muss sichergestellt werden, dass lückenlos registrierte wird, wer nach Griechenland kommt», verlangte die EJPD-Vorsteherin. Auch Rückführungen müssten gewährleistet sein, «nicht dass eine Weiterreise möglich ist».

Wird die EU-Mission „Sophia“ wieder aufgenommen?

Das Migazin vom 21.01.2020 berichtet: Nach der Berliner Libyen-Konferenz ist eine Wiederaufnahme der EU-Marinemission „Sophia“ im Gespräch, die Zehntausende Menschen aus dem Mittelmeer geborgen und nach Europa gebracht hat. Dabei solle die Mission einen neuen Fokus erhalten, erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Montag in Brüssel. „Sophia“ ist derzeit faktisch weitgehend eingestellt.

„Die Idee ist, sie wiederzubeleben“, sagte Borrell nach der Sitzung über „Sophia“. Zugleich wolle man die Mission „refokussieren“ und das Waffenembargo ins Zentrum rücken, erklärte er. Waffentransporte in das Bürgerkriegsland Libyen zu unterbinden, gehört neben dem Kampf gegen Menschenschmuggler und Schlepper bereits zu den Aufgaben von „Sophia“. Durch die Berliner Libyen-Konferenz am Sonntag, die den Weg zu einem Waffenstillstand und Friedensverhandlungen ebnen wollte, bekommt die Aufgabe aber neue Dringlichkeit.

Libyen stand am Montag bei einem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel ganz oben auf der Tagesordnung. Die 2015 gestartete Mission „Sophia“ läuft zwar formell noch. Der Einsatz der Marineschiffe wurde aber im März 2019 ausgesetzt. Grund war der Streit um die Aufnahme der geretteten Flüchtlinge und Migranten in Europa. Seither ist nur noch Fluggerät über dem Mittelmeer im Einsatz. Hintergrund der Einstellung war vor allem die harte Haltung von Italiens damaligem Innenminister Matteo Salvini im Streit um die Aufnahme der geretteten Menschen in Europa. Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn sagte am Montag: „Salvini ist weg, wir müssen ‚Sophia‘ wieder aufbauen.“

Ähnlich äußerte sich Raphael Bossong von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Es ist durchaus möglich geworden, dass Operation ‚Sophia‘ wieder Schiffe einsetzt, um die Kontrolle des Waffenembargos zu unterstützen“, sagte Bossong. Mit Blick auf die Seenotrettung hänge der erneute Einsatz von Schiffen aber unter anderem davon ab, ob sich „migrationskritische Staaten“ bei der EU-Entscheidung enthielten beziehungs-weise ob es eine glaubwürdige freiwillige Koalition gebe, um die geretteten Menschen aufzunehmen. (epd/mig)

119 Gerettete dürfen in Italien Sea-Watch 3 verlassen

Sea-Watch berichtet am 16.01.2020: Heute Morgen konnten alle 119 geretteten Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche, von Bord der Sea-Watch 3 sicher an Land gehen. Nach vier Tagen Dauereinsatz, in dem wir Menschen von insgesamt 3 Booten retten konnten und zuschauen mussten, wie mindestens zwei Boote zurück nach Libyen geschleppt wurden, sind wir erleichtert, unsere Gäste nun erst einmal in Sicherheit zu wissen.

Die vergangenen Tage haben ordentlich an den Kräften gezehrt, aber alle haben solidarisch mit angepackt. Ein Hagelsturm und starker Wellengang sorgten für Seekrankheit unter den Gästen und der Crew. Um alle trocken zu halten, wurde sogar ein riesiges Bett aus Schwimmwesten gebaut. Auch nach unzähligen Rettungseinsätzen bin ich wieder einmal beeindruckt von der Stärke und dem Mut der Menschen, ganz besonders der 42 unbegleiteten Jugendlichen, die wir auf nur einem kleinen Teil ihres langen Weges begleitet haben. Während sie nun die Sea-Watch 3 verlassen haben, bleiben bei mir und der Crew ein mulmiges Gefühl und die Sorge, dass diesen Menschen auch an Land nicht die Rechte zuteil werden, die ihnen zustehen.

Der Spitzenbanker im Flüchtlingslager

François-Xavier de Mallmann von Goldman Sachs fordert offene Grenzen für Flüchtlingskinder.

Edgar Schuler schreibt im Bund vom 17.01.2020: Schon beim ersten Wort ist klar: Dem Mann ist es ernst. Dabei geht es gar nicht um eine milliarden-schwere Firmenübernahme, das Kerngeschäft von François-Xavier de Mallmann. «FX», wie ihn in der Bank alle nennen, steht mit 49 Jahren ganz oben. Er ist Chairman des Investmentbankings von Goldman Sachs, dem in dieser Sparte weltweit führenden amerikanischen Bankhaus. Aber jetzt spricht er eine halbe Stunde lang über nichts anderes als seine Begegnungen mit den Kindern im Flüchtlingslager Moria in Griechenland.

De Mallmann ist erschüttert über die Zustände dort. Misshandlungen sind an der Tagesordnung. Für eine kindergerechte Betreuung fehlt das Personal in dem Lager. Es wurde als Kaserne für 3000 Soldaten gebaut. Jetzt drängen sich darin 15000 Menschen, darunter geschätzte 1500 Kinder. Sie sind ohne erwachsene Begleitung irgendwie dorthin gelangt. «Ein Mädchen, mit dem ich sprach, wusste nicht einmal, woher es kommt, und viele der Kinder können nirgendwohin zurück», sagt de Mallmann. Am schlimmsten ist, dass die Kinder dort der Gewalt ausgesetzt sind. «Da wächst eine Generation von Menschen heran, die nur ein Leben ohne Schutz, ohne erwachsene Vorbilder und mit Kriminalität kennen.»

De Mallmann fürchtet die langfristigen psychologischen Konsequenzen: «eine Zeitbombe». Und das nur ein paar Flugstunden entfernt von Zentraleuropa, auf Lesbos, wo ein paar Kilometer weiter Schweizer Familien unbeschwerte Strandferien verbringen. De Mallmann ist sich sicher, es gibt nur eine humane und langfristig wirksame Lösung für das Problem: «Die Länder in Westeuropa müssen die unbegleiteten Flüchtlingskinder schnell und bedingungslos aufnehmen.» Als Zweites müssten diese Länder dafür sorgen, dass die Minderjährigen adäquat geschützt, betreut und ausgebildet werden, reif für ein selbstverantwortliches Leben.

Lesbos, Livejacket-Grave, Herbst 2019, Marco Stricker

„Sea-Watch 3“ rettet 119 Flüchtlinge im Mittelmeer, 23 Tote vor Griechenland

Das Migazin vom 13.01.2020 berichtet: Auch im Winter versuchen Flüchtlinge von Libyen aus, Europa in Schlauchbooten zu erreichen. Seenotretter leisteten in 24 Stunden drei Rettungseinsätze und retteten 119 Flüchtlinge. Für mindestens 23 Menschen kam jede Hilfe zu spät. Den Behörden Maltas wirft die Crew Untätigkeit vor.

Das deutsche Rettungsschiff „Sea Watch 3“ hat bei drei Rettungsaktionen im Mittelmeer am Donnerstag und Freitag insgesamt 119 Menschen an Bord genommen. Die Crew warte nun auf einen „sicheren Hafen“ und halte sich für weitere Boote, die in Seenot geraten, bereit, teilte die Hilfsorganisation Sea-Watch in Berlin mit. Neue Seenotfälle seien bereits gemeldet worden. Zugleich berichtete das spanische Rettungsschiff „Open Arms“ die Aufnahme von 44 Männern aus einem kleinen Boot, die nach zwei Tagen auf See an schwerer Unterkühlung litten. Die „Sea-Watch 3“-Crew wurde nach eigenen Angaben Zeuge, wie die libysche Küstenwache mehr als 150 Bootsflüchtlinge nach Libyen zurückbrachte. Die Rückführung sei illegal, protestierte die Organisation. Die libysche Küstenwache wird von der EU unterstützt und besteht zum Teil aus Milizen.

Mindestens 23 Flüchtlinge vor Griechenland ertrunken

Dennoch kommt es immer wieder zu Bootsunglücken vor der griechischen Küste. Am Wochenende sind mindestens 23 Flüchtlinge ertrunken. Mindestens elf, darunter acht Kinder, starben nach Berichten des italienischen Rundfunks beim Untergang ihres Boots in der Ägais. Acht Menschen seien nach dem Unglück vor der türkischen Hafenstadt Çeşme gerettet worden. Wenige Stunden zuvor war nahe der Insel Paxos an der griechischen Westküste ein weiteres Flüchtlingsboot auf dem Weg nach Italien gekentert.

Die griechische Küstenwache barg an der Unglücksstelle zwölf Leichen. Einige der zwanzig geretteten Überlebenden berichteten, auf dem Boot hätten sich insgesamt fünfzig Flüchtlinge befunden.

Sea-Watch 3 rettet 119 Menschen in drei Rettungen innerhalb 24 Stunden. Über 150 Menschen von EU-Partnern illegal nach Libyen zurückgeschleppt

Sea Watch berichtet am 10.01.2020: Am gestrigen Donnerstag wurde die Sea-Watch 3 über mehrere Seenotfälle alarmiert und hatte unverzüglich die erfolgreiche Rettung von 60 Menschen an Bord eines Schlauchbootes durchgeführt. In einer zweiten Operation konnten weitere 17 Menschen aus Seenot gerettet werden. Die Suche nach einem dritten Boot in Seenot wurde in der Nacht von Donnerstag auf Freitag abgeschlossen und die 42 Personen an Bord der Sea-Watch 3 genommen. Zuvor wurde die Crew der Sea-Watch 3 Zeuge der illegalen Rückführung von Menschen durch die sogenannte libysche Küstenwache. Laut IOM wurden heute über 150 Menschen völkerrechtswidrig nach Libyen zurückgeschleppt, wo der gewaltsame Konflikt weiter eskaliert.

Das Sterben auf dem Mittelmeer stoppen!

Am 7. Januar 2020 haben Vertreter*innen von Solinetze.ch und dem Netzwerk migrationscharta.ch die Petition „Sterben auf dem Mittelmeer stoppen!“ bei der Bundeskanzlei in Bern abgegeben. Mit dieser Petition fordern sie und die 24‘456 Menschen, die diese unterzeichnet haben, dass der Bundesrat und das Parlament umgehend Massnahmen ergreifen, damit Menschen in Seenot auf dem Mittelmeer gerettet sowie rasch und dezentral aufgenommen werden.

Sie fordern

1. Die Schweiz oll sich am Aufbau eines europäisch organisierten und finanzierten zivilen Seenotrettungssystems beteiligen.
2. Die Schweiz soll sich für eine Verteilung von Menschen einsetzen, die aus Seenot gerettet werden. Dabei werden humanitäre und rechtsstaatliche Grundsätze eingehalten.
3. Der Bundesrat und das Parlament sollen die rechtlichen Grundlagen schaffen, die eine rasche und dezentrale Aufnahme von Bootsflüchtlingen in der Schweiz ermöglichen.

Vor der Petitionsabgabe haben wir eine berührende und symbolkräftige Veranstaltung mit rund 200 Personen auf dem Waisenhaus durchgeführt. Sie hatten sich schweigend mit den 35‘997 Namen all jener aufgestellt, die in den letzten Jahren auf dem Weg nach Europa gestorben sind. Die Namen wurden im Juni 2019 auf Stoffstreifen geschrieben und rund um die Heiliggeistkirche in Bern gehängt. Auch heute wieder hatte dies eine traurige, überwältigende Wirkung. Ob der unglaublichen Zahl an Menschen, die auf dem Mittelmeer sterben mussten, weil sich die EU nicht verantwortlich fühlt, zeigten sich viele Passant*innen überrascht und bestürzt. Mit dieser Aktion wurden die Unterschriften im Bundeshaus abgegeben und die Politiker*innen zum Handeln aufgefordert!

Waisenhausplatz Bern, 07.01.2020 Marco Stricker

An der Medienkonferenz, welche im Zusammenhang zur Petitionsabgabe stattfand, wurde zudem ein Brief des Netzwerk migrationscharta.ch vorgestellt, der die reformierten und katholischen Kirchenleitungen auffordert, dass sich die Kirchen der Schweiz finanziell an einem Boot der deutschen Kirchen beteiligen sollen, um sich so aktiv an der Seenotrettung zu beteiligen. In Deutschland sind dem von der evangelischen Kirche initiierten Projekt untied4rescue bereits 150 Organisationen beigetreten. Ende Januar soll das Schiff „Poseidon“ aus dem Besitz des Landes Schleswig-Holstein gekauft werden. Auch Anni Lanz und Mattea Meyer – deren Motion 19.3479 „Sterben auf dem Mittelmeer stoppen!“ wir mit dieser Petition schliesslich unterstützt wird – waren an der Pressekonferenz dabei.

Morddrohungen gegen deutschen Bischof nach Flüchtlingsschiff-Initiative

Web.de berichtet am 04.01.2020: Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat wegen seines Engagements für die Flüchtlingsrettung Morddrohungen erhalten. Doch trotz der Anfeindungen will der EKD-Chef nicht aufgeben und weiterhin ein Schiff zur Rettung von Flüchtlingen ins Mittelmeer schicken.

Bedford-Strohm hatte die Initiative Anfang Dezember zusammen mit mehreren Mitstreitern vorgestellt. Das von der Kirche initiierte Aktionsbündnis „United4Rescue“ will demnächst selbst ein Schiff zur Rettung von Flüchtlingen ins Mittelmeer schicken.

Bedford-Strohm ist nicht der einzige, der sich seither massiven Angriffen ausgesetzt sieht. Auf Anfrage sagte Bündnis-Sprecher Joachim Lenz am Samstag, ihm seien zwar keine Morddrohungen gegen andere Beteiligte bekannt. „Aber Hass-Botschaften gibt es schon.“

Auch für den Münchner Erzbischof und Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagte Sprecher Bernhard Kellner: „Wir nehmen wahr, dass sich die Drohungen und das Klima verschärft haben.“

Sea-Watch startet nach sechsmonatiger Blockade in erste Rettungsmission

Sea-Watch berichtet: Das Rettungsschiff Sea-Watch 3 hat am heutigen Montag den Hafen von Licata (Sizilien) verlassen und ist auf dem Weg in die Such- und Rettungszone. Zuvor hatte die Organisation die Berufung vor einem italienischen Zivilgericht gegen die unrechtmäßige Beschlagnahmung des Schiffes gewonnen, das nach der Rettung von 53 Menschen durch Kapitänin Carola Rackete und Crew seit Ende Juni festgesetzt war.

Die jetzige Rettungsmission der Sea-Watch 3 ist die erste unter deutscher Flagge, da Sea-Watch sich während der Beschlagnahmung zu einem Flaggenwechsel gezwungen sah, weil der bisherige Flaggenstaat Niederlande der Organisation politisch motivierte Regularien auferlegte, um weitere Rettungsmissionen unmöglich zu machen.

Während sich die politische Situation in Libyen weiter verschärft, ist auch bei der humanitären Katastrophe im Mittelmeer kein Ende in Sicht. „Hunderte Menschen sind ertrunken, während die Sea-Watch 3 unrechtmäßig festgehalten wurde. Endlich sind wir wieder auf dem Weg ins Einsatzgebiet. Wir werden niemals aufhören Menschen aus Seenot zu retten, egal wie viele Steine uns in den Weg geworfen werden“ sagt Johannes Bayer, Einsatzleiter auf der Sea-Watch 3.

Sea Watch 3

Rettungsschiff ALAN KURDI startet von Palermo – Weihnachten auf dem Mittelmeer

Aus der Pressemitteilung von Sea Eye vom 20.12.2019: Am Freitagabend verließ das deutsche Rettungsschiff ALAN KURDI den Hafen von Palermo. Bürgermeister Leoluca Orlando erschien persönlich, um der Crew eine erfolgreiche Mission und sichere Heimkehr zu wünschen. Zuvor hatte er die Crew im Rathaus von Palermo empfangen und die Flagge von Palermo an den Kapitän Uwe Doll überreicht. 
 
Rückenwind erhalten die Regensburger Seenotretter aus dem Erzbistum Paderborn. Im Oktober wurden die Spenden bei Sea-Eye knapp. Eine Mission musste deshalb ausfallen. Generalvikar Alfons Hardt nahm Kontakt mit Sea-Eye auf und sicherte sofortige Unterstützung des Erzbistums zu, um die Einsatzfähigkeit der ALAN KURDI zur Jahreswende sicherzustellen. 
 
„Die Unterstützung aus Paderborn kam keinen Tag zu früh. Die Flucht über das Meer ist zu dieser Jahreszeit besonders gefährlich. Wir sind Erzbischof Hans-Josef Becker unendlich dankbar, der so wiederholt deutlich macht, dass es unser aller Menschenpflicht ist, das Leben Schutzsuchender zu retten“, sagt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye. Dem Hilferuf im Oktober folgten auch die Abgeordneten der Stadt Konstanz. So erhielt Sea-Eye eine schnelle Nothilfe über 5.000€. Konstanz ist neben Hamburg die zweite, deutsche Stadt, die Sea-Eye finanziell unterstützt und dem Bekenntnis zum sicheren Hafen weitere, konkrete Maßnahmen folgen lässt.
 
Palermo soll der neue Seenotrettungsstützpunkt für die ALAN KURDI werden. So soll das Schiff ab sofort von Palermo aus in Rettungseinsätze starten. „Nach der Bruchlandung des italienischen Innenministers Matteo Salvini, sind die italienischen Häfen wieder offen“, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye.  Zuvor musste die ALAN KURDI von Spanien aus starten. Die kürzere Anfahrt ins Einsatzgebiet ermöglich höhere Anwesenheitszeiten der ALAN KURDI, in der Libyschen Such- und Rettungszone und geringere Einsatzkosten. „Wir sind gern in Palermo. Der Bürgermeister und die Menschen dort haben uns mit offenen Armen empfangen. Daher wollen wir hier unseren neuen Stützpunkt errichten“, sagt Pahlke weiter.

Dem Hilferuf im Oktober folgten auch die Abgeordneten der Stadt Konstanz. So erhielt Sea-Eye eine schnelle Nothilfe über 5.000€. Konstanz ist neben Hamburg die zweite, deutsche Stadt, die Sea-Eye finanziell unterstützt und dem Bekenntnis zum sicheren Hafen weitere, konkrete Maßnahmen folgen lässt.  

Sea-Watch gewinnt Berufung vor einem italienischen Zivilgericht

Sea Watch berichtet am 19.12.2019: Pünktlich zu Weihnachten hat das Zivilgericht von Palermo entschieden: Die Sea-Watch 3 ist frei! Nach fast 6 Monaten der Festsetzung im Hafen von Licata bereiten wir uns nun darauf vor, unsere Rettungsoperation so schnell wie möglich wieder aufzunehmen.

Sea-Watch hat die Berufung vor einem italienischen Zivilgericht gegen die unrechtmäßige Beschlagnahmung unseres Schiffes Sea-Watch 3 gewonnen. Das heutige Urteil bestätigt nicht nur die fehlende rechtliche Grundlage für das Festsetzen des Schiffes, sondern die politische Motivation dahinter. Nach langen Monaten der Kriminalisierung, Einschüchterung und Blockade ist das heutige Gerichtsurteil eine weitere Bestätigung der Rechtmäßigkeit unserer Arbeit – einer Arbeit, die Sea-Watch von den verantwortlichen Institutionen der EU-Mitgliedsstaaten fordert. Das Urteil hat einmal mehr bewiesen, dass es zivile Rettungsorganisationen wie Sea-Watch sind, die sich an Recht und Gesetz halten. Wir erwarten, dass in Zukunft auch die EU-Staaten internationales Recht respektieren und die Kriminalisierung ziviler Rettungen beenden.

Mit Erhalt der guten Nachrichten haben wir sofort mit den Vorbereitungen begonnen, um so schnell wie möglich in Richtung Such- und Rettungszone aufbrechen zu können. Wie dringend wir dort benötigt werden, mussten wir in den vergangenen Wochen mit unserem Aufklärungsflugzeug aus der Luft beobachten. Mehr als 400 Menschen sind ertrunken, während unser Schiff sinnlos im Hafen feststeckte. 

Juristin: Seenot ist nicht erst, wenn Menschen um ihr Leben kämpfen

Das Migazin vom 11.12.2019 berichtet: Seenotrettern wird vorgeworfen, Flüchtlinge von Afrika abzuholen und nach Europa zu fahren. Rechtsprofessorin Nele Matz-Lück erklärt im Gespräch, was Seenot ist und was sie bedeutet. Das private Rettungsschiff „Ocean Viking“ hat vor rund zwei Wochen erneut Menschen aus einem Boot geborgen, die sich von Libyen aus auf den Weg über das Mittelmeer gemacht hatten. Den Betreibern SOS Méditerranée und „Ärzte ohne Grenzen“ wird ebenso wie ähnlichen Organisationen immer wieder vorgeworfen, Migranten und Flüchtlinge vor der afrikanischen Küste abzuholen oder gar als „Taxi“ nach Europa zu fahren. Nele Matz-Lück, Professorin für Völkerrecht mit dem Schwerpunkt internationales Seerecht an der Universität Kiel, erklärt im Gespräch, was Seenot rechtlich bedeutet.

Wann gilt ein Schiff oder ein Boot als in Seenot?

Nele Matz-Lück: Seenot besteht nicht erst, wenn Menschen im Wasser um ihr Leben kämpfen, sondern wenn für Leib und Leben oder auch das Schiff selbst oder eine Ladung von Wert unmittelbar Gefahr droht. Es muss also nicht schweres Wetter sein, es reicht aber auch nicht, wenn nur eine Schwimmweste fehlt. Seenot liegt etwa vor, wenn ein Schiff total überladen ist, sodass eine kleine Welle oder Bewegung an Bord zum Kentern reicht. Bei den Booten, die mit Migranten und Flüchtlingen übers Mittel-meer kommen, wird man daher fast per se einen Seenotfall annehmen müssen, weil sie meist nicht seetüchtig sind und dadurch eine konkrete Gefahrensituation besteht.

Wer entscheidet konkret, ob Seenot vorliegt?

Nele Matz-Lück: Normalerweise schätzt das der Kapitän des betroffenen Schiffes ein. Die Boote der Migranten und Flüchtlinge haben aber in der Regel keinen Kapitän. Daher muss es der Kapitän eines anderen Schiffes, das in der Nähe ist und zu Hilfe kommen kann, einschätzen. Das besagt das Internationale Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See. Das Seerecht gibt dagegen keine genauen Kriterien vor, etwa die Entfernung von Land. Diesen Beurteilungsspielraum des Kapitäns muss es geben. Denn die See ist für Menschen ein gefährlicher Ort. Teilweise meldet auch die Luftaufklärung über dem Mittelmeer Seenotfälle an die Leitstellen an Land.

Welche Pflichten hat der Kapitän des anderen Schiffes?

Nele Matz-Lück: Er muss die Menschen in Seenot retten und an einen sicheren Ort bringen. Was genau „sicherer Ort“ heißt, bestimmt das Seerecht wiederum nicht. Auch hier hat der Kapitän einen Ermessensspielraum. Es muss aber mehr sein als bloß trockener Boden unter den Füßen, also ein Ort, wo nicht wieder unmittelbar Gefahr droht durch Verfolgung, Internierung oder Folter. Libyen ist kein solcher Ort. Diese Verpflichtungen sind unabhängig vom Status der Geretteten, zum Beispiel als Flüchtlinge oder Migranten ohne Einreiserecht nach Europa. Auch, ob sie sich selbst absichtlich in Seenot gebracht haben, spielt dabei keine Rolle. (epd/mig)

Sea Watch wirft einen Blick zurück: Erfolge und Rückschläge im Jahr 2019

Sea Watch berichtet in ihrem Newsletter vom 12.11.2019: Für Sea-Watch geht das wohl schwierigste Jahr seit der Gründung des Vereins Mitte 2015 zu Ende. Inzwischen sind sechs Monate vergangen, seitdem unser bestens ausgestattetes Schiff zuletzt in der SAR-Zone war, um das tun, wofür es einst angeschafft wurde: Menschenleben zu retten.
Allerdings macht 2019 für unsere Aktivist*innen mehr aus, als nur die frustrierende Festsetzung der Sea-Watch 3 in Italien. Für unsere Schiffscrew begann das Jahr zusammen mit 32 Geretteten auf hoher See. Bereits zehn Tage zuvor waren sie von unseren Freiwilligen geborgen worden. Bis die Verzweifelten an Land durften, betrieb Europa auf ihrem Rücken fast drei Wochen lang ein unwürdiges Spiel und stritt um ihre Aufnahme. Insgesamt warteten wir 2019 nach vier Rettungen 54 Tage lang auf die Zuweisung eines sicheren Hafens. 229 Menschen konnten wir sicher an Land bringen, darunter 33 Kinder. Und es hätten so viele mehr sein können, wenn man uns doch nur gelassen hätte: Fünfmal wurde die Sea-Watch 3 zur Beweissicherung festgesetzt, seit der letzten Fahrt unserer Kapitänin Carola im Juni wurde das Schiff bis dato nicht mehr freigegeben.

Dabei wäre es so dringend gebraucht worden. Unsere Airborne-Crews allein haben auf ihren 105 Aufklärungsflügen 54 Boote entdeckt und waren an der Koordination von 33 Rettungen beteiligt. Insgesamt waren 2.729 vom Ertrinken bedrohte Menschen betroffen. 14 dieser Notfälle waren bis zu ihrer Entdeckung durch die Moonbird unbekannt. Die 799 Menschen an Bord hätten ohne den Einsatz unseres Flugzeugs vermutlich keine Chance auf Rettung gehabt.

Festgenommen: Carola Rackete im Juni auf Lampedusa. Foto: Chris Grodotzki / Sea-Watch e.V.

Boot kentert vor Mauretanien – mindestens 58 tote Migrant*innen

Die Tagesschau der ARD berichtet am 05.12.2019: Ein Boot mit mehr als 150 Migranten ist vor Mauretaniens Küste gekentert. Dabei sind nach ersten Erkenntnissen mindestens 58 Menschen ums Leben gekommen. Das Boot hatte Ende November in Gambia abgelegt.

Bei einer Havarie eines Bootes mit Dutzenden Migranten sind vor der Küste Mauretaniens mindestens 58 Menschen ums Leben gekommen, darunter Frauen und Kinder. Das Boot kenterte am Mittwoch im Atlantischen Ozean, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) mitteilte. Eine nicht näher genannte Zahl von Verletzten wurde demnach in ein Krankenhaus im nordmauretanischen Nouadhibou gebracht.

Mehr als 83 Migranten aus Gambia hätten das Unglück überlebt, indem sie sich an die Küste gerettet hätten. Sie hätten IOM-Vertretern gesagt, dass das Boot am 27. November in ihrer Heimat mit rund 150 Insassen abgelegt habe, ergänzte IOM-Sprecherin Safa Msehli. Als sich das Boot der Küste von Mauretanien näherte, hatte es laut IOM wenig Kraftstoff.

Die Havarie gilt in diesem Jahr als eine der schlimmsten Tragödien rund um Migranten, die gefährliche Überfahrten nach Europa auf sich nehmen. Aus Gambia gab es zunächst keine offizielle Erklärung.

Das Land in Westafrika ist mit rund zwei Millionen Einwohnern relativ klein, doch kamen nach IOM-Angaben zwischen 2014 und 2018 mehr als 35.000 Gambier nach Europa. Die 22-jährige Herrschaft des autokratisch regierenden Expräsidenten Yahya Jammeh hat die Wirtschaft des Landes massiv beeinträchtigt, was vor allem die Jugend zu spüren bekommen hat. Dies führt dazu, dass es vermehrt Migranten aus Gambia nach Europa oder andere Weltgegenden zieht.

Seit Jammeh 2016 abgewählt wurde und Anfang 2017 ins Exil flüchtete, versuchen europäische Länder verstärkt Asylbewerber aus dem Land abzuschieben. Doch Gambias Wirtschaft darbt immer noch. Zuletzt machte der Küstennation der Zusammenbruch des britischen Reisekonzerns Thomas Cook zu schaffen. Aus Sicht einiger Gambier könnte die Pleite massive Auswirkungen auf den Tourismus des Landes haben, der mehr als 30 Prozent von dessen Bruttoinlandsprodukts ausmacht.

Jubel um Mitternacht auf der „Ocean Viking“

Das Migazin vom 06.12.2019 berichtet: Grünes Licht aus Italien: Die „Ocean Viking“ darf die aus Seenot geretteten Menschen an Land bringen. Die Retter machen sich auf den Weg zu ihnen, um die frohe Botschaft zu überbringen. Es ist kurz nach zwölf, als die Männer im Container auf dem Achterdeck geweckt werden. Die Menschen aus Eritrea, Bangladesch, Mali und anderen Ländern sind vor fünf Tagen von denselben Leuten aus Seenot gerettet worden, die nun ihre Nachtruhe stören: der Crew der Hilfsorganisationen SOS Méditerranée und „Ärzte ohne Grenzen“ auf dem Rettungsschiff „Ocean Viking“. Immer mehr Helfer kommen nun in den Wohncontainer der Geretteten, wollen dabei sein. Sie bahnen sich einen Weg zwischen Beinen, Köpfen und Decken. Der Raum wird von Heizstrahlern an der Decke in ein oranges Licht getaucht. Fragende Gesichter.

Info: Knapp eine Woche nach ihrer Rettung aus dem Mittelmeer haben rund 120 Flüchtlinge sichere Häfen in Italien erreicht. 61 von der „Alan Kurdi“ aufgenommene Migranten gingen am Mittwoch in Messina an Land, nachdem das Schiff noch in der Nacht in dem sizilianischen Hafen angelegt hatte. Auch die „Ocean Viking“ mit 60 Flüchtlingen an Bord bekam in der Nacht die Genehmigung, die Geretteten in Italien an Land zu bringen. Sie fuhr in den Hafen des südsizilianischen Städtchens Pozzallo ein, wo die Menschen am Vormittag das Schiff verlassen konnten.

Der Missionschef von „Ärzte ohne Grenzen“, Aloys Vimard, und zwei Kollegen bitten die Männer, sich in Sprachgruppen zusammen zu setzen – Französisch, Englisch, Arabisch. Dann hebt Vimard zu einer kleinen Rede an. „Schon fünf Tage, dass wir die Zeit gemeinsam auf dem Schiff verbringen, das ist nicht einfach“, sagt er, eine Mappe in der Hand und ein Funkgerät auf der Brust. Jetzt sei aber eine Lösung gefunden, die Menschen dürften nach Europa, „ein Hafen in Italien“. Kurzes Klatschen, erleichtertes Lächeln, Gemurmel.

Das Seenotrettungsschiff „Ocean Viking“

Panik an Bord. Handelsschiffe nicht gemacht für Seenotrettung

Das Migazin vom 02.12.2019 berichtet: Handelsschiffe sind verpflichtet, Menschen in Seenot retten. Sie sind aber nicht ausgerüstet für die Rettung, Aufnahme und Versorgung von Menschen in Seenot. Angesichts eines aktuellen Falls fordern Retter die EU auf, staatliche Schiffe einzusetzen.

Angesichts eines aktuellen Falles hat ein Seenotretter von SOS-Méditerranée auf das Dilemma von Handelsschiffen hingewiesen, die Migranten und Flüchtlinge aus Seenot retten. Die Kapitäne seien in „unglaublich schwierigen Situationen“ sagte Nicholas Romaniuk, Einsatzleiter von SOS Méditerranée auf der „Ocean Viking“, am Sonntag dem „Evangelischen Pressedienst“ an Bord des Schiffes.

„Die Handelsschiffe sind dafür nicht gemacht“, erklärte Romaniuk mit Blick auf die Rettung von Booten mit Dutzenden und zum Teil Hunderten Menschen an Bord. Diese wagen häufig von Libyen aus die Überfahrt nach Europa und geraten immer wieder in Seenot. Handelsschiffe verfügten weder über ausreichend Rettungsboote und Schwimmwesten noch die Möglichkeit medizinischer Versorgung für die Überlebenden, sagte der Einsatzleiter. Kapitäne und Mannschaften „machen traumatischen Erfahrungen“.

SOS Méditerranée ist zurzeit auf der gemeinsam mit „Ärzte ohne Grenzen“ betriebenen und für Rettungseinsätze ausgerüsteten „Ocean Viking“ im zentralen Mittelmeer unterwegs. Am Donnerstagabend retteten die Organisationen 60 Menschen aus einem Holzboot. Am Samstag wurde die „Ocean Viking“ vom Handelsschiff „OOC Panther“ um Hilfe gebeten. Das Versorgungsschiff der Hamburger Reederei Opielok hatte etwa 70 Seemeilen vor Libyen rund 30 Menschen gerettet.

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Medizinische Notfälle auf dem Rettungsschiff ALAN KURDI häufen sich

Sea-Eye meldet am 02.12.2019: Die Situation an Bord des deutschen Rettungsschiffes ALAN KURDI hat sich über das Wochenende zugespitzt. Am Samstag mussten acht Personen von Bord des Schiffes nach Lampedusa evakuiert werden, darunter zwei Säuglinge jeweils vier und acht Wochen alt. Ein Neugeborenes nahm keine Nahrung mehr zu sich, war dehydriert, unterernährt und deshalb in kritischer Verfassung. 

Seit Sonntagnachmittag kollabierten an Bord des deutschen Rettungsschiffes vier Personen. Sie werden seither im Bordhospital behandelt. Die mit Dringlichkeit angefragten Evakuierungen wurden von der maltesischen Rettungsleitstelle wiederholt abgelehnt. Die italienische Leitstelle antwortet auf eine entsprechende Anfrage nicht. Die maltesische Seenotleitung teilte dem Schiff zudem per Mail mit, dass die Menschen an Bord der ALAN KURDI für sie keinen Notfall darstellen. Die Seenotleitstellen in Rom, Malta und Bremen weisen seit Samstagmittag die Verwantwortung von sich und erklären die jeweils andere Leitstelle für zuständig. Die Deutsche Seenotleitstelle MRCC Bremen verwies nach der Rettung sogar an die Libysche Navy, obwohl sich das Schiff inzwischen in der maltesischen Koordinierungszone befand. 

“Wir sind entsetzt über die Verantwortungslosigkeit europäischer Seenotleitstellen. Die Leitstellen verweigern sich förmlich und unterlaufen ihre Pflicht, die Rettung zu koordinieren und uns einen sicheren Hafen zuzuweisen. Noch nicht einmal kollabierte Personen können vom Schiff evakuiert werden. Uns gehen die Superlative für die Ignoranz Europas aus.”, sagt Julian Pahlke, Sprecher von Sea-Eye. 

Am Montagmorgen sind an Bord der ALAN KURDI zwei weitere Person kollabiert. Auf das Ersuchen des Schiffes bei den drei Seenotleitstellen kam erneut keine Antwort. 

“Wir sind ausgerüstet wie ein moderner Krankenwagen- aber wir können bald nicht mehr für die Gesundheit aller Menschen garantieren. Die Geretteten sind durchweg in schlechter Verfassung, mit unseren Bordmittel werden wir das in absehbarer Zeit nicht mehr bewältigen können”, sagt die Bordärztin der ALAN KURDI, Barbara Hammerl-Kraus.

“Wir befürchten an Bord das Schlimmste. Wir haben das Auswärtige Amt darum gebeten, dass man die italienischen und maltesischen Partner auf die humanitäre Dringlichkeit hinweist. Es kann nicht sein, dass europäische Leitstellen telefonisch nicht erreichbar sind und sich schlicht verweigern. Deutschland muss darauf drängen, dass internationale Gesetze und seerechtliche Verpflichtungen eigehalten werden, statt sich für rein medienwirksame, sogenannte Deals zu feiern”, fügt Gorden Isler, Vorsitzender von Sea- Eye hinzu. 

Erstmalig war die maltesische Rettungsleitstelle für die Einsatzleitung von Sea-Eye telefonisch nicht mehr erreichbar. Ebenfalls neu ist, dass Italien an die Zuständigkeit der deutschen Rettungsleitstelle in Bremen verweist und dort um die Koordinierung bittet. 
„Offenbar leidet auf Malta nicht nur die Regierung unter Auflösungserscheinungen. Die Rettungskette dieser beiden Mittelmeeranrainer hat sich in Luft aufgelöst hat“, sagt Isler weiter.

Die Nächte verbringen die geretteten Männer, Frauen und Kinder unter freiem Himmel an Deck.                                                                                                                     Foto: Johannes Gaevert/sea-eye.org

Friedenspreis für „Sea-Watch“

Das Migazin vom 29.11.2019 meldet: Die Stadt Osnabrück setzt mit ihren Friedenspreis in diesem Jahr auch ein politisches Signal. Die Organisation „Sea-Watch“ sieht ihr Anliegen damit gestärkt.

Für die Seenotrettungsorganisation „Sea-Watch“ ist die Auszeichnung mit dem Sonderpreis des Erich Maria Remarque-Friedenspreises der Hinweis darauf, dass das Schicksal der Mittelmeer-Flüchtlinge in der Gesellschaft angekommen ist. „Sea-Watch“ habe dafür gesorgt, dass hinter den abstrakten Zahlen von Ertrunkenen und Verschollenen die Menschen sichtbar würden, sagte der Vorsitzende Johannes Bayer am Donnerstag in Osnabrück. „Das ist letztlich die einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass Menschen im Mittelmeer umkommen.“

Allerdings sei der Gegenwind insbesondere von populistischen Parteien wie der AfD stärker geworden, sagte der Vorsitzende. Das reiche bis zu Angriffen auf Büros und sogar Morddrohungen. Der Vorsitzende wird an diesem Freitag den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis im Friedenssaal des historischen Rathauses in Osnabrück entgegennehmen.

Das Rettungsschiff Sea-Watch rettet Flüchtlinge im Mittelmeer (Archivfoto) © sea-watch.org

Seenotretter: Rückkehr von Einsatz nach Hause ist schwierig

Das Migazin vom 29.11.2019 berichtet: „Bei einem Einsatz sieht man Dinge, die nicht zum normalen Leben gehören, wie im Krieg“, sagt Alessandro Porro. Er ist Seenotretter an Bord der „Ocean Viking“. Man verändere sich, im normalen Leben komme es zu Spannungen.

Der Moment der Rückkehr zu Familie und Freunden nach einem Seenotrettungseinsatz gehört für SOS-Méditerranée-Mitarbeiter Alessandro Porro zu den schwierigsten Aspekten seiner Arbeit. „Bei einem Einsatz sieht man Dinge, die nicht zum normalen Leben gehören, wie im Krieg“, sagte Porro dem „Evangelischen Pressedienst“ an Bord des Rettungsschiffes „Ocean Viking“ im Mittelmeer. „Dadurch verändert man sich. Aber wenn man nach Hause kommt, führen die anderen weiter ihr normales Leben: Arbeit, Ferien, Hochzeiten und so weiter.“

Das Seenotrettungsschiff „Ocean Viking“

Viele wollten von den schwierigen Erfahrungen nichts wissen, „das erzeugt Spannungen“, sagte Porro. Der 39 Jahre alte Italiener hat seit 2017 fünf Einsätze mit SOS Méditerranée auf dem Mittelmeer abgeschlossen, bei denen Flüchtlinge und Migranten aus Seenot gerettet wurden. Dabei habe er Menschen wiederbeleben und Leichen von Ertrunkenen aus dem Wasser bergen müssen, berichtete der Helfer. Gleich bei seinem ersten Einsatz habe auch eine Frau an Bord eines Schlauchbootes gerade ein Baby zu Welt gebracht.

12-Stunden-Rettung

Nach den Rettungen selbst, die bis zu zwölf Stunden dauern könnten, sei die Zeit mit den Überlebenden an Bord bewegend, erklärte Porro, der zunächst auf der „Aquarius“ im Einsatz war und seit Sommer auf der „Ocean Viking“ mitfährt. „Man teilt mit ihnen denselben Raum, man ist zu gleicher Zeit seekrank“, sagte Porro. „Und wenn sie ihre Geschichten erzählen und ihre Folterspuren am Körper zeigen, kann man dem nicht entkommen.“

Die von SOS Méditerranée und „Ärzte ohne Grenzen“ betriebene „Ocean Viking“ war am Wochenende mit 213 Geretteten in Messina angekommen. Von dort startete das unter norwegischer Flagge fahrende Schiff am Mittwoch wieder in die libysche Such- und Rettungszone.